Warum mehr wilde Natur für Stadt und Land?

Rückgang der Artenvielfalt und Klimawandel

Sowohl bei Tieren als auch bei Pflanzen geht die Artenvielfalt immer mehr zurück. Die Ursachen sind verschieden, jedoch letztlich immer von Menschenhand gemacht, sei es durch intensive Landwirtschaft, Pestizideinsatz, zunehmende Flächenversiegelung, immer dichtere Bebauung, damit verbunden Schaffung von mehr Parkflächen und, und, und. Vor allem Letzteres wirkt sich zudem negativ auf das Lokalklima aus und verstärkt den Effekt der Wärmeinseln. Der zunehmenden Bebauung fallen zahlreiche Grün-/Blühflächen und Bäume zum Opfer. Beton, Asphalt, Blech, aber auch die in Mode gekommenen Schottergärten (siehe Facebook „Gärten des Grauens“) etc. speichern wiederum Wärme und führen zu einer stärkeren Aufheizung vor allem in Städten. Außerdem wird der natürliche Wasserkreislauf ungünstig beeinflusst. Bodenflächen, die Regenwasser aufnehmen bzw. verdunsten lassen, gehen zugunsten der Bebauung zurück, wodurch sich ebenfalls der Grundwasserspiegel verringert. So fließt Regenwasser nutzlos durch die Kanalisation. Ein fataler Kreislauf, wie ich meine, zu dem noch weitaus mehr Faktoren aufzählbar wären. Das würde jedoch hier den Rahmen sprengen.

Ein steinerner Garten mit zwei Rehen als steinerne Deko. Der blaue Kies soll einen Wasserlauf darstellen. Ganz im Hintergrund vermutlich eine Eibe, das einzige Grün im tristen Kiesgarten.
Ein trister Anblick, finde ich.

Was können wir selbst für den Erhalt der heimischen Artenvielfalt und ein besseres Klima tun?

Seit ich letztes Jahr in meinem Umfeld ständig von meinem eigenen Balkonprojekt erzähle, dem damit verbunden Einzug einer Artenvielfalt auf kleinstem Raum und wie wunderbar und faszinierend diese Erlebnisse und Beobachtungen sind, kommt immer wieder die Frage von meinen Gesprächspartnern „Was kann ich selbst denn tun?“


Pflanzt mit!

Agiert nicht wild drauf los. Ich selbst lasse mittlerweile die Finger von insektenfreundlichen Samentütchen-Blumenmischungen, Insektenhotels oder sonstigen Nisthilfen aus Baumarkt, Discounter und Co., die meist nur dem schnellen Kommerz dienen und deren Nutzung in der Regel aus weiteren Aspekten fraglich ist (z. B. unbekannte Herkunft von Saatgut und Material, häufig schon auf den ersten Blick schlechte Verarbeitung). Meiner Ansicht nach ist es viel hilfreicher, sich zunächst sachlich/fachlich zu informieren, um dann gezielt neuen Lebensraum zu schaffen in Form von Ansaaten und Anpflanzungen gebietsheimischer Wildblumen, Sträucher, Hecken oder auch alter Obstsorten und anderer Bäume, vor allem abgestimmt auf regional bedrohte Arten bei Insekten, Vögeln und anderen Kleintieren.

Ein tolles Statement dazu findet ihr in einer Veröffentlichung (Stand Mai 2019) vom Bochumer Botanischen Verein: „Schmetterlingswiese, Bienenschmaus und Hummelmagnet – Insektenrettung aus der Samentüte?“ (Corinne Buch & Armin Jagel).

Auch auf Naturspaziergang.de findet ihr einen ausführlichen Beitrag über das Geschäft mit dem Artensterben der Wildbienen (Insektenhotels, Samen und Pflanzen).

Und egal wo, sät und pflanzt so, dass es vom zeitigen Frühjahr bis zum Herbst durchgehend ein reichhaltiges Blütenangebot gibt. Schneidet abgestorbene Stauden und Stängel im Herbst nicht zurück, sondern lasst sie im Idealfall bis in den nächsten Mai stehen – diese dienen vielen Insekten zum Überwintern.


Informationsquellen

Aus meiner Sicht hilfreiche Info-Quellen sind:

VWW – Verband deutscher Wildsamen- und Wildpflanzenproduzenten e.V. (hier gibt es u. a. eine Seite mit Wildpflanzen-Praxistipps)

Rieger-Hofmann GmbH – Samen und Pflanzen gebietseigener Wildblumen und Wildgräser aus gesicherten Herkünften (hier findet ihr u. a. eine Karte der Produktionsräume und Ursprungsgebiete sowie Infos zu Mischungen, Bodenbearbeitung, Ansaat, Pflege usw.)

NaturGarten e.V. – Verein für naturnahe Garten- und Landschaftsgestaltung (Ich persönliche finde die vielfältigen Beiträge in der Mitgliederzeitschrift sehr lesenswert. Weiterhin findet ihr auf der Webseite z. B. auch Beispiele privater Naturgärten)

– die regionalen Naturschutzverbände vor Ort wie NABU oder BUND.


Pflanzt mit – auf Balkon, Fensterbank, Terrasse, Hinterhof

Für ein eigenes kleines Projekt z. B. auf Balkon oder Terrasse zum Kennenlernen des vielfältigen Insektenlebens eignen sich auf jeden Fall Kräuter, die auch blühen dürfen, wie Salbei, Thymian, Ysop, Basilikum, Dill, Schnittsellerie, oder z. B. die Wildblumenmischungen für Wildbienen Nr. 12 (einjährige einheimische Arten) und Nr. 13 (ein-, zwei- und mehrjährige einheimische Arten) von Syringa, die auch Pflanzenarten für Pollenspezialisten enthalten.


Pflanzt mit – im Garten, Kleingarten, Vorgarten

Hier habt ihr natürlich viel mehr Möglichkeiten, neuen Lebensraum für Insekten, Vögel & Co. zu schaffen. Statt exotischer Pflanzen und Gehölze pflanzt heimische Wildblumen, Stauden und Gehölze (die auch gebietsheimischer Herkunft sind und nicht aus z. B. Italien oder Spanien stammen), um der Florenverfälschung entgegenzuwirken. So bieten z. B. Haselnuss, Kornelkirsche, der heimische Weißdorn und Blutroter Hartriegel Nahrungsangebot und Lebensraum für zig Insekten- und Vogelarten.

Thuja, Kirschlorbeer, Rhododendren, Forsythie werden dagegen von Insekten gemieden bzw. haben ihnen nichts zu bieten. Last but not least: auch der beliebte Sommerflieder/Schmetterlingsflieder reiht sich in die Liste der Neophyten ein und sollte nicht gepflanzt werden, selbst wenn er zur Blütezeit ein Schmetterlingsmagnet ist.

Ein kleiner wilder Vorgarten im Blütengrund bei Naumburg/Saale. Hier wächst ein Weinstock am Haus und viele verschiedenfarbige Stockrosen davor.


Pflanzt und pflegt mit – auf Vermieterflächen oder kommunalen Flächen

Ihr habt weder Garten noch Balkon und möchtet euch engagieren? Hier gibt es ebenfalls verschiedene Möglichkeiten: Sprecht doch einfach mal euren Vermieter oder die Kommune an, ob sie z. B. Baumpatenschaften anbieten oder euch eine Fläche zur Bepflanzung und Pflege überlassen. Vielleicht dürft ihr auf dieser sogar eine Trockenmauer bauen eventuell mit offenen Sand-/Lehmbereichen für im Boden nistende Wildbienen, eine Totholzecke als neuen Lebensraum oder eine andere wilde Ecke einrichten.

Eine hiesige Wohnungsgenossenschaft hat zum Beispiel ihren Mietern, die sich um die Blumenrabatten vorm Haus kümmern, Regentonnen an die Dachrinne anschließen lassen, damit sie mit Regenwasser gießen können. Die Förderung der Nutzung von Regenwasser ist sehr begrüßenswert.


Begrünung ist gut fürs Klima

Bäume, Hecken, Sträucher und Fassadenbegrünung sind nicht nur Lebensraum für Insekten, Vögel & Co., sie

  • sind Schattenspender
  • haben Kühlungseffekt
  • binden Kohlenstoffdioxid
  • produzieren Sauerstoff
  • speichern Wasser
  • filtern Schadstoffe und Feinstaub
  • mindern Lärm
  • brechen Wind
  • und sind gut für unser Wohlbefinden.

Buchtipps zum Thema

Eine Reihe Buchtipps hierzu habe ich bereits in extra Beiträgen zusammengestellt:

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